Am Abend, wenn das Licht flach über das Wasser streicht und drüben die Berge violett anlaufen, liegt der See da wie gemalt — und man vergisst leicht, was für ein gewaltiges Ding er eigentlich ist. Der Lago Maggiore, bei den Römern Verbano, im Deutschen Langensee, zieht sich über gut sechzig Kilometer von den Tessiner Alpen bis an den Rand der Poebene. Nach dem Gardasee ist er der zweitgrößte See Italiens; sein nördliches Fünftel liegt in der Schweiz.
Aus Eis geboren. Was so friedlich daliegt, ist die Arbeit von Gletschern. Über die Eiszeiten schoben sie sich durch das Tal und hobelten es zu einem tiefen Trog; als das Eis abtaute, blieb Wasser zurück. Die tiefste Stelle misst 372 Meter — und liegt damit 179 Meter unter dem Meeresspiegel, obwohl der See selbst auf 193 Metern Höhe ruht. Es ist zugleich der tiefste Punkt der Schweiz. Von den Höhen über Locarno sieht man an klaren Tagen den höchsten und den tiefsten Punkt des Landes auf einen Blick.
Ein Süden im Norden. Die Berge halten die kalten Winde von Norden ab, und so wächst am Ufer, was hier eigentlich nichts zu suchen hätte: Palmen, Zitronen, Oleander. Gespeist wird der See vom Ticino, von Maggia und Toce — Flüssen, die ihr Wasser aus den Gletschern und Schneefeldern der Alpen holen. Vier Jahre dauert es, bis sich sein ganzer Inhalt einmal ausgetauscht hat.
Ein Garten am Wasser. Dasselbe milde Klima hat das Ufer zu einer der großen Gartenlandschaften Europas gemacht. Kamelien, Azaleen, Rhododendren und Magnolien blühen hier so bereitwillig, dass man sie von Verbania aus in ganz Europa verkauft. Berühmt sind die Gärten der Borromäer — die barocken Terrassen der Isola Bella, der englische Park der Isola Madre mit seinen alten Kamelien — und der botanische Garten der Villa Taranto mit rund zwanzigtausend Pflanzenarten. Weiter oben lösen Kastanien und Buchen die Palmen ab. Im See stehen Barsch, Felchen, Hecht und Aal; an stillen Mündungen wie den Bolle di Magadino rasten Zugvögel, über den Wäldern kreisen Falken, und seit den Neunzigern brütet hier wieder der scheue Schwarzstorch.
Was der See nährt. Seit fast zwei Jahrhunderten lebt die Region von ihm. Seit 1826 fahren Passagierschiffe von Ufer zu Ufer; die Belle-Époque-Hotels von Stresa erzählen noch vom frühen Tourismus, der neben der Fischerei — rund 150 Tonnen im Jahr — der wichtigste Broterwerb am Wasser ist. Seine eigentliche Arbeit aber leistet der See unsichtbar, flussabwärts: Über den Ticino tränkt er die Reisfelder der Lomellina und der Ebenen um Mailand und Pavia, eines der größten Reisanbaugebiete Europas, und treibt die Kraftwerke am Fluss. Darum wird er in trockenen Jahren zum Politikum — 2022 und wieder 2026 warnten die Reisbauern vor dem Ruin ihrer Ernte, und Italien und die Schweiz einigten sich, den See im Frühjahr höher zu stauen, um Vorrat für den Sommer zu halten.
Ein Kreislauf unter Druck. Dieser Kreislauf verändert sich schneller, als der ruhige See es vermuten lässt. Der Alpenraum erwärmt sich bis zu dreimal so stark wie die Erde im Mittel. Die Gletscher, die den See speisen, haben seit 2001 rund ein Drittel ihres Volumens verloren; bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte nach den Modellen der ETH Zürich der weitaus größte Teil der Alpengletscher verschwinden — selbst im günstigsten Szenario zwei Drittel des Eises. Damit versiegt langfristig der Schmelzwasser-Nachschub, der den See über die heißen Monate trägt. In den Dürresommern 2017 und 2022 fiel der Pegel auf historische Tiefstände; 2022 war der See zeitweise nur zu einem Sechstel gefüllt. Niedrigwasser gab es hier immer, schon 1946 und 1956 — ob die Trockensommer bereits häufiger werden, untersucht die Forschung noch. Dass aber ihre Ursache wächst, steht außer Frage. Der niedrige Sommerpegel ist also mehr als eine Wetterlaune. Und doch, oder gerade darum, lohnt jeder Abend auf dieser Terrasse, solange das Licht so über das Wasser fällt.
Quellen & zum Weiterlesen: Wikipedia, Historisches Lexikon der Schweiz, Consorzio del Ticino, ARPA Lombardia, ETH Zürich, Po-Flussbehörde, Terre Borromeo. Zahlen zu Fläche, Tiefe und Wasserhaushalt nach Wikipedia und dem Historischen Lexikon der Schweiz; Angaben zu Regulierung, Bewässerung und Wasserkraft nach Consorzio del Ticino und der Po-Flussbehörde (ADBPO); zu Fischerei, Gärten und Tierwelt nach Terre Borromeo und regionaler Landeskunde; die Zahlen zum Gletscherrückgang nach ETH Zürich und dem Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS.



